Cheref-Name und Mam-o-Sin sind zwei hervorragende Beispiele kurdischer Geschichtsschreibung
beziehungsweise Literatur. Immer wieder haben Männer nach Cheref Khan versucht, kurdische Geschichte
aufzuarbeiten niederzuschreiben. Ihre Sprache, unabhängig von Dialekt und Mundart, ist kurdisch,
ihre Schrift ist es jedoch nicht. Hier liegt ein fast einzigartiges Paradoxon.

Kurdish historian and linguist: Taufîq Wahby
Es gibt kaum ein Volk der Erde vor allem in vergleichbarer Größenordnung! , das sich derart wenig mit der eigenen Sprache beschäftigt hat wie die Kurden. Während die Geschichtenerzähler und Sänger ihre Texte in der jeweiligen Mundart des Dialekts vortrugen, denn ihre Sagen, Legenden oder Lieder kamen fast ausschließlich aus dem Volk, verfassten die kurdischen Schriftsteller und Gelehrten ihre Werke zumeist in anderen Sprachen. Nicht selten war es die Sprache der Eroberer und Besatzer, also Arabisch, Türkisch oder Persisch.

Kurdish Poet Cegerxwin, 1984- Stockholm
Dies war auch dadurch bedingt, dass sie sich oftmals an den Höfen aufhielten, dort eine Art Angestellte waren, hatte also rein ökonomische Ursachen. Eine weitere Rolle spielte zweifellos die Verbreitung ihrer Werke, die selten direkt das einfache Volk erreichten. Und selbstverständlich wurden die Dokumente und der Schriftverkehr in den Kanzleien, selbst wenn es kurdische Vorgänge betraf, in der Sprache der Herrscher geführt.

Xoshav Castle in Kurdistan
Somit hatte die Sprache der Kurden im offiziellen Gebrauch fast keine Bedeutung. Eine allgemeine und einheitliche kurdische Schriftsprache konnte sich nicht entwickeln, da sie kaum fixiert wurde. Hinzu kommt noch, dass die wenigen Dokumente, die es in Kurdisch gab, von den Fremdherrschern vernichtet wurden, um auch damit den Gebrauch dieser Sprache zu verhindern. Überlebt hat in der Vergangenheit so vielfach nur, was im Volk und vom Volk mündlich überliefert wurde.
Eine nationale Schwierigkeit bei der Entstehung einer kurdischen Schriftsprache lag zweifellos auch
in der traditionellen Spaltung in zahlreiche Fürstentümer. Die waren nicht nur
auf verschiedene fremde Staatsgebilde verteilt und dort den entsprechenden Sprachen
der Herrschenden unterlagen, sondern auch untereinander jeweils eigene Sprachen, vergleichbar
sehr unterschiedlichen Dialekten, herausbildeten. Die relativ selbständigsten
und entwickeltsten unter ihnen beförderten entscheidend Entstehung und Entwicklung
der kurdischen Literatursprache: Es waren die Fürstentümer Bothan, Baban
und Ardalan.

The kurdish Castle of Wan
Das Fürstentum Botan wurde Anfang des 14. Jahrhunderts gegründet
und bildete, wie bereits erwähnt, als Literatursprache das
Djasiri heraus, in dem neben Ehmede Khani um 1600 vor allem die
Lyriker Malai Djasiri, Mi Hariri und Fake Tayram ihre Werke verfassten.
Mit der Verhaftung des letzten Fürsten BadirKhan Pascha und
dessen Deportation durch die Türken wurde im 19. Jahrhundert
mit dem Untergang des Fürstentums dieser blühenden Literatursprache
die Grundlage entzogen.

Fürstentum Baban: Ende des 15. Jahrhunderts wurde am unteren Zab das Fürstentum Baban gegründet. Hauptstadt des aufblühenden Staatsgebildes war die neu gegründete Stadt Sulaimania, die entstehende Literatur wurde in einer Sprache geschrieben, die als Slemani bezeichnet wird. Deren namhafteste Autoren die Lyriker Nali, Salim und Kurdi lebten zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Fast zur gleichen Zeit wie Bothan ging das Fürstentum Baban unter; Ursache hierfür war vor allem die unentschiedene Politik der Dynastie von Fake Ahmad, der das Land zur leichten Beute der Türken werden ließ. Unter deren Herrschaft erstarb in den folgenden Jahren jede eigensandige kurdische Literatur.

Fürstentum Ardalan: Eine der ältesten kurdischen Literatursprachen, das Hawrami, entwickelte sich bereits im 14. Jahrhundert im Fürstentum Ardalan, wo der Gelehrter und Schriftsteller Mala Paresan lebte. Sanandadj im persischen Teil Kurdistans war die Hauptstadt, deren Fürsten den Titel eines Wali (regirrende Bürgermeister) trugen. Doch auch dieses Fürstentum überlebte die anderen beiden nur um wenige Jahre. 1867 setzte der Schah den letzten Wali ab und besiegelte mit der totalen persischen Vernehmung des Landes den Untergang Ardalans
Diese Entwicklung, die Einnahme und Auflösung der kurdischen Fürstentümer um die Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Osmanen beziehungsweise Perser, teilte nicht nur das kurdische Volk abermals willkürlich, es warf auch die Entwicklung und Herausbildung von Literatur und Sprache um Generationen zurück.